The Merchant of Venice – frankenpost.de – Deutsch

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Flottes Spiel um Liebe und Rache

Wieder einmal präsentiert die American Drama Group Europe in Hof ein Shakespeare-Stück im englischen Original. Gut 200 Zuschauer im Theater lassen sich fesseln von der Sprache und amüsieren von einem spannenden Spiel.

Von Kerstin Starke

Hof – Shakespeare im en glischen Original hören und sehen? Dass man dazu nicht unbedingt ins Globe Theatre nach London fahren muss, zeigte am Dienstagabend einmal mehr die American Drama Group Europe mit dem TNT Theatre Britain bei ihrem jährlichen Gastspiel im Theater Hof. Auf dem Programm stand diesmal – deutlich gestrafft – “The merchant of Venice” (Der Kaufmann von Venedig): Shakespeares “Komödie”, die für so manchen Protagonisten indes streckenweise gar nicht so lustig ist. Die mehr als 200 Zuschauer allerdings – darunter erfreulich viele Jugendliche – amüsierten sich sehr.

Das hat natürlich mit dem genialen Stück des Barden aus Stratford zu tun. Das hat aber auch – und das zeigt sich Jahr für Jahr wieder – mit dem gekonnten Spiel der Schauspieler der Drama Group zu tun. Nicht nur, dass ihr Shakespeare-Englisch, wiewohl für heutige Ohren “entschärft”, glasklar und gut nachvollziehbar zu verstehen ist; ihre Darstellung ist flott, mitreißend und fesselt die Zuschauer, sodass die Zeit wie im Flug zu verstreichen scheint.

Und es ist wirklich das Spiel, das im Mittelpunkt des Interesses steht, denn – angelehnt an die Spiel-Situation zu Shakespeares Zeiten und auch die der Commedia dell’Arte – verzichtet die Drama Group weitgehend auf Bühnenbild. Zwei mobile Wände, eine längliche Kiste auf Rollen und ein paar Stoffe (Bühnenbild: Arno Scholz) genügen, um die Szenerie rund um die Handlung vollständig zu ergänzen. Die Kostüme (Juliane Kasprzik) dagegen lehnen sich historisierend an das 16. Jahrhundert an; allerdings erlaubt sich die Inszenierung einige kleine Gags: So gewinnt etwa der allzu eifrige Bewerber um Portias Hand eine Narrenkappe in Form einer bunten Strickmütze mit Bommel und eine rote Clownsnase.

In dem Bewusstsein, wie aktuell das über 500 Jahre alte Stück um Rassismus, Macht und Geschlechterkampf heute ist, hat Regisseur Paul Stebbings mit seinen Darstellern die wichtigen Themen aufs Deutlichste herausgearbeitet. So ist der Zuschauer gebannt, wenn der Jude Shylock im dritten Akt seinen berühmten Monolog spricht: “Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?” Gareth Davies spielt ihn sehr ausdrucksstark, überzeugend und unbelehrbar in seinen Werten Ehre, Ansehen und bedingungsloser Rechtsgläubigkeit, die ihn schlussendlich um alles bringt.

Seine Gegenspieler sind der Kaufmann Antonio, der für einen ewig klammen Freund mit einem Pfund seines Fleisches bürgt: Andrew Goddard, der in dieser Rolle sein Spiel etwas zu wenig differenziert, agiert stattdessen in anderen, kleineren Rollen wie dem spanischen Verehrer oder Lorenzo geradezu köstlich; und Bassanio: Max Roberson, der den begeistert Verliebten ebenso treffend spielt wie später den treuen Freund, dem er um jeden Preis helfen will – auf Kosten seiner Verlobten. Dritter im Bunde der “Christen”, die den Juden Shylock stets verspottet, gedemütigt, ja sogar bespuckt hatten, ist Grationo (Joel Sams: äußerst wandelbar in verschiedenen Rollen).

Die wahren Klugen in Stebbings Inszenierung – wie bereits in Shakespeares Vorlage – sind die Frauen. Die Probleme der Männer – und gehe es auch um Leben und Tod – lösen sie mehr oder weniger nebenbei. Viel wichtiger ist ihnen, den Mann zu heiraten, den sie lieben.

Da ist einmal Jessica, Shylocks Tochter, die dem häuslichen Gefängnis durchs Fenster in die Arme ihres christlichen Liebhabers entflieht und dabei nicht vergisst, des Vaters gesamte Barschaft mitzunehmen. Holly Hinton spielt diese Nebenrolle genauso glaubhaft wie die der gescheiten hübschen Nerissa, Dienerin und Freundin von Portia.

Caroline Colonei stellt diese reiche, junge und schöne Lady dar mit aller Wärme und Cleverness, aber auch mit Unbekümmertheit und Ernsthaftigkeit. Wenn sie ihren Geliebten Bassanio behutsam zur richtigen Lösung ihres Heirats-Rätsels führt, überzeugt ihr Spiel; noch mehr aber in der großen Gerichtsszene. Als Balthasar verkleidet spricht sie lebensklug Recht – sowohl über den Kaufmann, der leichtfertig ein Stück seinen eigenen Fleisches verpfändet hatte, als auch über Shylock, der Gnade vor Recht ergehen zu lassen, unversöhnlich ablehnt und auf sein vermeintliches Recht pocht. Dass er damit – nach geltendem Recht – auch sich selbst zum Tod verurteilt, macht ihm erst der doppeldeutige Satz Balthasars/Portias klar: “Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.”

“Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?”

Shylock alias Gareth Davies

“Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?”

Balthasar alias Portia zum unbelehrbaren Shylock

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